Wenn die Parkbank sagt: “Hau ab!”

Defensive Architektur

Episode 19 I November 2020

Worum geht es in dieser Folge?

Eine Bank ist nicht immer nur eine Bank. Einige Bänke werden als Mittel zur Kontrolle von Aktivitäten im öffentlichen Raum genutzt. Zum Beispiel werden Bänke absichtlich so entworfen, dass obdachlose Menschen nicht darauf schlafen können. Stacheln, Gerüche, Feuchtigkeit und Geräusche können auch zu diesem Zweck genutzt werden. Solche Maßnahmen werden als defensive Architektur bezeichnet. In dieser Episode vom Raumcast gehen wir einigen Fragen nach, die uns selber beschäftigt haben: Wo kommt defensive Architektur her? Welche konkreten Beispiele gibt es? Was sagen Betroffene dazu und welche Argumente gibt es dagegen sowie dafür?

 

Diese Form der Architektur ist definitiv nichts Neues. Erste Maßnahmen, um Verhalten zu kontrollieren, gab es bereits im 19. Jahrhundert. Thematisiert wurde die Idee jedoch erst 1972 in dem Buch von Oscar Newman, “Defensible Space.” Davon ausgehend wurden die kriminalpräventiven Funktionen bestimmter Architekturen in der Stadtplanung institutionalisiert. Heutzutage wird sie noch offensiver eingesetzt und vor allem gegen Obdachlose.

 

Um diese Maßnahmen besser zu verstehen, haben wir drei Beispiele aus Berlin ausgesucht. In unserem ersten Beispiel geht es um die Berliner Verkehrsbetriebe. Diese haben im  Januar 2020 Armlehnen in der Mitte der Wartebänke in U-Bahnhöfen angebracht haben. Dadurch sollte das Schlafen auf den Bänken verhindert werden.  Als nächstes betrachteten wir den Steinplatz in Berlin-Charlottenburg, der früher ein beliebter Schlafplatz für obdachlose Menschen war. Der Platz wurde 2017/18 durch das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf neugestaltet, um die Anlage offener und einsehbarer zu machen. War das gezielte Verdrängung oder reine Ignoranz? In unserem dritten Beispiel sehen wir, dass defensive Architektur nicht nur physisch sein kann. Die Betreiber des S- und U-Bahnhofes an der Hermannstraße versuchten dort atonale Musik als immaterielle Methode zu benutzen. Wir wollten auch sicherstellen, dass wir die Meinungen der Betroffenen einbeziehen und haben deshalb mit Dieter Bichler gesprochen. Er erzählte uns, wie diese Architektur seine Erlebnisse als obdachloser Mensch in Berlin beeinflusst hat.

 

Wir finden, dass der öffentliche Raum allen gleich zugänglich sein soll, aber nicht alle sind unserer Meinung. Dean Harvey ist Mitbegründer von Factory Furniture – einer Firma, die defensive Architektur herstellt. James Furzer  ist Architekt und Entwickler von Homes for the Homeless – kleine modulare Boxen, in denen obdachlose Menschen schlafen können. Die Positionen der beiden und viele weitere Aspekte, stellen wir euch in unserem Podcast vor.

 

Ob diese Herangehensweise an den öffentlichen Raum akzeptabel ist oder nicht, müsst ihr selbst entscheiden. Aber wenn ihr das nächste Mal diese Eingriffe in eurer eigenen Stadt seht, könnt ihr kritischer darüber nachdenken, warum es sie gibt und ob es sie geben muss. Wie Dieter uns sagte: "Ist alles möglich, die Stadt ist groß genug.”

Idee und Konzept

Manuel Kopp (Konzeption, Aufnahme, Schnitt)

Dalia Essa (Konzeption, Aufnahme)

Natalie Walter (Konzeption, Aufnahme)

Interviewpartner

Dieter Bichler ist Stadtführer bei querstadtein in Berlin. In seiner Führung “Obdachlos auf schicken Straßen" erzählt er von Erfahrungen, die er als Obdachloser in der Nähe des Zoologischen Gartens gemacht hat.

Mehr zum Thema

Initiativen gegen defensive Architektur:

Toronto: Chellew, C. #defensiveto. Verfügbar hier.

 

Washington D.C.: Cutforth, A., Hardin, E., Morris, O., Piccirilli, T. & Stevenson, D. Hidden Hostility DC. Verfügbar hier.

 

Paris: Soyons Humains.Verfügbar hier.

 

Instagram: #defensivedesign

Quellen

Albrecht, G. (1990). Erscheinungsweisen, Verlaufsformen und Ursachen der „Nichtseßhaftigkeit“ — eine theoretische Einführung. In Albrecht, G./ Specht, T./ Goergen, G./ Großkopf, H., Lebensläufe. Lebensläufe. Von der Armut zur „Nichtseßhaftigkeit“ oder wie man „Nichtsesshafte“ macht.: Bd. 1 Reihe: Armutskarrieren und Stigmarisiko (S. 17–109). G. Hrsg Albrecht und H. Holtmannspötter. Bielefeld: Verlag Soziale Hilfe.

Beitzer, H. (2018, April 24). Obdachlose in Berlin - Worte statt Stacheln. In: Die Süddeutsche.de Zeitung. Verfügbar hier.

Bethke, H. (2018, August 21). Troubadix gegen Penner. FAZ.NET. Verfügbar hier.

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